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Heimatverein Bonn-Oberkassel e.V.
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Kriegsbeginn 1914 in Oberkassel
im Spiegel der Oberkasseler Zeitung und zeitgenössischer Quellen

Dr. Helmut Kötting
Julikrise 1914

Bereits vor 1914 hatte Eduard Heeg den Verlag des Herrn Vogel (Magdalenenstr. 3) übernommen und auf der Hauptstr. 128 (Königswintererstr. 628) eine eigene Buchdruckerei mit Buchhandlung und Schreibwarengeschäft eröffnet. Dort gab er auch als leitender Redakteur und für die Schriftleitung allein Verantwortlicher – in Rotationsdruck mit der Schnellpresse – mittwochs und samstags die „Oberkasseler Zeitung. Publikationsorgan für die Bürgermeisterei Oberkassel“ heraus (mit der Nebenausgabe der „Dollendorfer Zeitung“). Nach Einschätzung des Bürgermeisters war die Zeitung „unparteiisch“ ausgerichtet und wurde „in allen Volkskreisen“ gelesen. Wann Johannes Düppen vor der Übernahme des Verlages am 1.4.1918 in die Redaktion und Geschäftsführung eintrat, lässt sich nicht mehr ermitteln. Jedenfalls nahmen bis dahin die lokalen Ereignisse unter der Rubrik „Aus Nah und Fern“ nur wenig Raum ein.

Trotz allen Entsetzens über die „Bluttat“ in Sarajewo, so die Oberkasseler Zeitung, erwartete man, dass dieses „blutige Ereignis“ nicht zu „ernsten politischen Schwierigkeiten zwischen den Staaten“ führen würde. Die „Leiter der Politik“ begaben sich derweil auf Reisen, der Kaiser zu seiner Nordlandfahrt.

Während des ganzen Juli nahm dagegen die beginnende Ernte das „ganze Denken und Fühlen gefangen“. „Heiß, sehr heiß brannte die Sonne“, nur im Westen und Süden gelegentlich von kräftigen Gewittern gemildert. „Im Juli muß vor Hitze braten, was im September soll geraten“, hieß die alte Bauernregel. Die Obst- und Gemüseernte war reichlich und sehr gut ausgefallen. Frühe Kartoffeln kamen „in guter Ware auf den Markt“; die späten Kartoffeln standen „schön“. Die Preise für Lebensmittel zeigten schon seit längerer Zeit „absteigende Tendenz“. Angesichts der „im allgemeinen hochbefriedigenden Ernte“ überstieg das Angebot die Nachfrage; bei den Preisen zeichnete sich „weichende Tendenz“ ab.

Noch in der letzten Juliwoche wirkte nicht nur in der inneren Politik die vorherrschende Ruhe „wohltuend“. Auch aus dem Auswärtigen Amt war nur wenig Substanzielles über die wirklichen Schritte und Absichten zu hören. Gleichwohl aber war den Oberkasseler Lesern klar, dass Deutschland seinem Verbündeten Österreich-Ungarn „die viel bewährte Nibelungentreue auch in diesen Tagen schwerwiegender Entscheidungen“ hielt.

Am 29.7. versuchte die Schriftleitung der drohenden Wahrheit ins Auge zu sehen: „Krieg! ein Wort, das elektrisierend in die Massen fährt, wenn es zur Wirklichkeit geworden ist“. In seiner Lageanalyse ordnet der Autor die bisherigen Balkankriege allerdings als „Kinderspiel“ ein gegen das, „was sich die sechs Großmächte im Kriegsfall zu sagen“ hätten. Doch „frei von Optimismus und in gutem Vertrauen auf Deutschlands Heer und seine Führer“ glaubte man, „der Zukunft mit Ruhe“ entgegenzusehen.

Die Bevölkerung war jedoch angesichts der Kriegsgerüchte seit Tagen „elektrisiert“. Extrablätter fanden „reißenden Absatz“; telefonische Anfragen an die Redaktion über die augenblickliche Lage „wollten schier kein Ende nehmen“. Noch einen Monat später musste Heeg dem vielfachen Wunsch seiner Leser nachkommen, die neuesten Kriegsberichte durch Extrablätter oder Aushang (einschließlich der Verlustlisten) im Schaufenster zu veröffentlichen.


Mobilmachung

Für den Fall einer Mobilmachung hatte der Bürgermeister schon lange vorher ausgearbeitete genaue Anweisungen erhalten, welche Maßnahmen zu ergreifen waren. Vor allem sollte er für die militärische Bewachung des Oberkasseler Bahnhofs die notwendigen Räume sowie die Versorgung der Wachsoldaten sicherstellen. Am 1.8.1914 schickte Bürgermeister Nücker den durch eine Armbinde am linken Oberarm kenntlich gemachten Funck „zur Empfangnahme von Befehlen des Landratsamtes Siegburg für das Bürgermeisteramt Obercassel“ zum Bahnhof. Er solle sich dort in der Nähe des diensthabenden Stationsbeamten aufhalten und die Tasche, die ihm ein Bote des Landratsamtes aus dem Zug reichen würde, in Empfang nehmen. Zur „Bekanntmachung betr. Kriegszustand“ waren Plakate aufzuhängen (u.a. am Rathaus, Postamt, Bahnhof, Kalkuhl, Elektr. Bahnhof, Markt usw.) und durch Ausrufen darauf hinzuweisen.

Das Telegramm der Mobilmachung am 1.8.1914 schlug „wie ein Blitz“ ein. „Ungeheuer groß war die Begeisterung, mit der die jungen Leute in den Kampf zogen. Wochenlang waren die Kasernen im Spätsommer 1914 von jungen Leuten belagert, die ihre Aufnahme in die Regimenter begehrten.“ Kriegsfreiwillige zogen selbst in weit entfernte Städte, um noch als Rekruten in einem Regiment eingestellt zu werden. Die Zahl der Kriegsfreiwilligen, so war in Oberkassel am 8.9. zu lesen, sei „eine kolossale, man spricht von einer Summe, die geradezu verblüffend ist; junge Burschen von 17, 18 Jahren fürchten nicht tot und Teufel“. Wer sich nach der ersten Woche der Mobilmachung als gesunder Mann noch nicht in irgendeiner Form „in den Dienst des Vaterlandes“ gestellt hatte, konnte mit dem Missfallen kriegsbegeisteter Mitmenschen rechnen. „Eine, die es empört, daß auch nur einer von hier seine Kraft dem Vaterland vorenthält“, denunzierte am 8.8.1914 in einem anonymen Brief an Nücker „einen gewissen Wehres, Privatlehrer wohnhaft Kinkelstr. im Nebengebäude der Villa Castanien… Er ist ein gesunder Mann in den 30er und hält sich immer noch hier auf“. Der am 26.1.1876 in Neersen geborene Hermann Wehres, cand. phil. und Kunstlehrer, seit dem 3.12.1913 in Oberkassel gemeldet, musste schon am nächsten Tag im Bürgermeisterbüro erscheinen und seine Militärpapiere vorweisen (er war am 19.7.1909 ausgemustert worden).

Die zum Truppeneinsatz fahrenden laubgeschmückten Eisenbahnwagen wurden von den Soldaten mit „humorvollen Sprüchen“ beschrieben. Als die Kriegserklärungen aufeinander folgten, war auf vielen Wagen zu lesen: „Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen“. Die allgemeine Stimmung entsprach der Anekdote von einem „biederen Landwehrmann“, der seine weinende Frau beruhigte: „Nu, heule man nich, Alte, die kleene Erholung kannste mir schon gönnen!“ Es galt, wie der Düsseldorfer Regierungspräsident Dr. Kruse am 2.8. im Sinne des Kaisers eine weit verbreitete Überzeugung aussprach, „unsere germanische Kultur zu verteidigen gegen die Unkultur des Slawentums und die Ueberkultur des Galliertums“. Der Ausbruch eines Krieges treffe Deutschland in „einer für uns möglichst günstigen Lage“. Die Meisten rechneten mit einem kurzem Kriegsverlauf im Westen und einem schnellen Sieg. Die weniger „patriotisch Denkenden“, oftmals Frauen, galten als „Miesmacher“.

Da der Militärfahrplan sofort in Kraft getreten war, wurde der Güterverkehr zunächst eingestellt. Erst Mitte August kam es zur Wiederaufnahme des rechtsrheinischen Güterverkehrs mit zwei Güterzügen in beide Richtungen mit Lebensmitteln, Vieh, Papier. Am 8.9.1914 wurde dann der öffentliche Güterverkehr bis auf wenige Ausnahmen freigegeben. Am Güterbahnhof Oberkassel hatte man schnell lange hölzerne Rampen gebaut, um Truppen und Kriegsgerät zu verladen, sie dann aber doch nicht gebraucht. Mehrere Wochen fuhren auf der rechtsrheinischen Strecke täglich nur zwei Personenzüge; alle Züge mussten mit der gleichen Geschwindigkeit von 45 km in der Stunde fahren. Der Bahnhof wurde Tag und Nacht von 12 Landsturmleuten bewacht.



Abb. 1: Bahnhofswache 1914. Quelle: Archiv H O


Auch der Trajektverkehr wurde mit Kriegsbeginn sofort eingestellt; die rechtsrheinischen Pontons kamen unterdessen im Hafen unter. Die Schifffahrt musste ebenfalls augenblicklich ruhen. Kein Schiff durfte am linken Rheinufer liegen.


Die Bevölkerung im „Spionagefieber“

Maßnahmen zur Sicherung von Einrichtungen und zur Spionageabwehr befeuerten die einsetzende antifranzösische und antienglische Stimmung. Nachdem schon am 29.7.14 abends die Rheinbrücke Beuel-Bonn streng bewacht wurde, brachte man am anderen Morgen auf beiden Seiten schwere Abschlusstore an. Die Insassen von Personenfahrzeugen mussten zu Fuß die Brücke überqueren, während ein Soldat den Fahrer begleitete. Stehenbleiben oder gar Fotografieren auf der Brücke war verboten. Die Straßenbahnen wurden während der Überfahrt geschlossen, keiner durfte sich auf der vorderen und hinteren Plattform aufhalten.

In vielen Eisenbahnwagen und auf Bahnhöfen waren Plakate zu lesen: „Reisende helft, daß die für die Kriegsbereitschaft wichtigen Bauwerke gegen Zerstörung“ durch „Bombenabwürfe vom Zuge aus“ gesichert werden. An bekanntzugebenden Strecken sollte es den Reisenden verboten werden, die Fenster zu öffnen, die Aborte zu benutzen und die Plattformen sowie Gänge zu betreten. Am 6.8.1914 telegrafierte der Landrat an den Oberkasseler Bürgermeister, „Aeroplane“ kämen aus dem Ausland an der Eisenbahn entlang, um Bomben abzuwerfen. Schon zwei Tage später musste er „das Beschießen von Fliegern durch Privatpersonen“ verbieten und darauf hinweisen, deutsche Flieger hätten ein schwarzes Kreuz unter den Tragflächen.

Das Oberkasseler Bürgermeisteramt hatte die Order erhalten, einen vermuteten Goldtransport von Frankreich nach Russland abzufangen. Am 5.8.1914 erreichten nämlich Nücker Telegramme, ein oder mehrere Autos, aus Frankreich kommend „mit Damen“ und mit „1000 Millionen Kriegsanleihen für Rußland“, würden von „Radfahrern in Maurerkleidung“ begleitet, denen angeblich Geld übergeben worden sei. Der Landrat ordnete an, Straßensperren einzurichten und alle Autos und Radfahrer anzuhalten und zu kontrollieren. Nücker ließ daher alle Eingänge, die von Süden her in den Ort führten, Tag und Nacht scharf bewachen. Am Bürgermeisteramt war die Hauptstraße durch ein dickes Drahtseil und umgelegte Eggen gesperrt. Unbekannte Personen und alle Fuhrwerklenker mussten anhalten und einen vom Amt ausgestellten Erlaubnisschein vorweisen.

Bei dem überbordenden Eifer der Bevölkerung muss es wohl an einigen Straßensperren mehrere Unglücksfälle gegeben haben, verursacht durch nicht zum Landsturm angehörende, teils sogar minderjährige Einwohner, die „nicht sicher mit der Waffe umgehen“ konnten. Der Regierungspräsident gab schon am 7.8.1914 die Anweisung heraus, diesen Leuten die Waffen abzunehmen. Automobile sollten aus einer Entfernung von 30 bis 50 Schritt „nur von vorne, nicht von der Seite“ und nur von Personen „mit abgestempelten Armbinden“ zum Halten aufgefordert werden. Dabei dürfe der Gewehrlauf nicht in den Wagen hineingehalten werden.

Am 2.8.1914 ordnete der Regierungspräsident in den Gemeinden eine „verschärfte Aufsicht über Ausländer“ an; „Verdächtige“ seien sofort festzunehmen. Schon einen Tag später verlangte er die Verhaftung aller der „Spionage Verdächtigen“. Es setzte eine wahre Verfolgungshysterie ein gegenüber „ausländisch“ aussehenden bzw. sich angeblich verdächtig verhaltenen Personen. Weil man östlich von Oberkassel Lichtsignale gesehen haben wollte, suchten nachts bewaffnete Bürger den Wald nach Spionen ab. Das Fotografieren von Verkehrsanlagen war streng verboten. Als ein Bonner Fotograf für Ansichtskarten das Trajekt aufnehmen wollte, wurde er sofort verhaftet und von der Polizei, begleitet von neugierigen kleinen und großen Kindern, in das Oberkasseler Gefängnis gebracht. Seine „Harmlosigkeit“ war schnell erkannt, so dass ihn Nücker anderntags - nicht ohne ernste Ermahnungen - entließ. Am 11.8.1914 wurde auch Nücker als Leutnant der Landwehr einberufen. Als sein Stellvertreter nahm sein Vorgänger J. B. Schröter am 16.8.1914 seine Dienstgeschäfte auf.

Deutschen Staatsbürgern, die sich bei Kriegsausbruch in Belgien aufhielten oder dort wohnten, brachte man ähnliches Misstrauen entgegen. Da die Presse „zahlreiche Nachrichten über Gewalttätigkeiten“ veröffentlichte, denen Deutsche „an Leben Leib und Gut in den ersten Tagen des August…ausgesetzt“ waren, wurden die örtlichen Polizeibehörden angewiesen, Aussagen von Personen, die „aus eigener Wahrnehmung Misshandlungen oder Grausamkeiten der belgischen Bevölkerung oder Behörden gegen deutsche Reichsangehörige oder Angriffe auf deren Eigentum bezeugen“ konnten, zu protokollieren und dem Innenministerium zu schicken.

Auf dem Oberkasseler Bürgermeisteramt meldete sich die Witwe Louise Treu, Frau von Robert Treu aus Niederdollendorf, die mit 3 Söhnen und 2 Töchtern in Antwerpen-Berchem gewohnt hatte. Ihre Söhne waren sofort nach dem Bekanntwerden der Mobilmachung nach Deutschland gereist. Während eine Tochter mit einem Belgier verheiratet war, wurde die andere von belgischen Gendarmen in ein Gefängnis abgeführt. Louise Treu erhielt am 6.8.1914 um 11 Uhr morgens die Aufforderung, binnen 24 Stunden Belgien zu verlassen. Schon um 18.30 Uhr musste sie in ein Auto steigen, das sie zu ihrer einsitzenden Tochter brachte; von dort ging es im „geschlossenen Wagen“ zum Bahnhof. „Es wurde mehrfach gegen die Wagen geworfen“, ohne jedoch Mutter und Tochter zu verletzten. Sie durften weder ihre „mobilen Gegenstände“ noch die 14 „wertvollen“ Brieftauben mitnehmen.

Desgleiche gab Otto Henkel (mit Frau und Dienstmädchen) aus Oberdollendorf auf dem Bürgermeisteramt zu Protokoll, mit Ausbruch des Krieges in Belgien alles verloren zu haben. „Es wurde uns alles zerschlagen und alle Möbel, Wäsche und Ersparnisse“. Er selbst war durch den „plötzlichen Schrecken beinahe ganz gelähmt“; noch nach einem halben Jahr konnte er nicht alleine gehen.

Am 3.8.1914 ordnete der Regierungspräsident an, alle Typhuskranken, auch die nur im Verdacht standen, notfalls „zwangsweise“ in die Krankenhäuser zu bringen. In diesem Zusammenhang waren alle Brunnen zu überwachen, zumal man auch eine „Vergiftung“ fürchtete. Für die Behandlung der zum militärischen Nachrichtendienst benutzten Brieftauben gab es detaillierte Bestimmungen, vor allem für den Fall, wenn sie, mit einer Kapsel beringt, in einem fremden Schlag gelandet waren. In einem Aufruf vom 26.8.1914 wurde die Bevölkerung darauf hingewiesen, dass immer noch belgische und französische Brieftauben in „allen erdenklichen Schlupfwinkeln“ versteckt gehalten würden und einen unerlaubten, „nachteiligen Depeschenverkehr nach dem Ausland“ ermöglichen könnten. Ihre „Beseitigung“ sei deshalb „dringende Pflicht“.


Beschränkungen im Nachrichtenverkehr

Die Beschränkungen des Postverkehrs waren direkt nach der Erklärung des Kriegszustandes einschneidend. Bis auf weiteres wurden „verschlossene Privatsendungen“ (Briefe und Pakete) am Schalter nicht mehr angenommen. Sendungen nach Elsaß-Lothringen, Reg. Bez. Trier und Rheinpfalz kamen zurück. Eine Empfehlung erging, den aus ihren Standorten in das Aufmarschgebiet beförderten Truppen nicht zu schreiben, da ihnen unterwegs keine Postsendungen ausgegeben wurden. Der private Post-, Telegrafen- und Telefonverkehr zwischen England und Deutschland ruhte vollständig. Der gesamte Telefon- und Telegrafenverkehr war „in bisher nie gekannten Umfang ins Stocken geraten“. Heeg bat seine Abonnenten ausdrücklich um Geduld, zumal er ihnen auch die illustrierten Sonntagsbeilagen nicht versenden konnte.

Seit Mitte August bot er eigene Feldpostkarten an (25 zu 10 Pfg.), ab Anfang September auch „Feldpost-Kästchen zum Verschicken von Zigarren, Tabak, Schokolade, Strümpfe usw.“. In seinem Gedicht „Notschrei“ klagte der Unterzahlmeister Hürter aus Oberkassel: „Haben kein Hemd und keinen Tabak, Noch weniger Bier u. Kaiserkognak… Also lindert die Not und schickt Bier.“



Abb. 2: Im Schützengraben. Quelle: Archiv H O


Von der Reichsdruckerei angefertigte und empfohlene Briefumschläge für Feldpost mit Vordruck für die Anschrift und den Absender konnten ab 7.8.1914 im kaiserlichen Postamt zum Preise von 1 Pfg. je 2 Stück gekauft werden. Seit Anfang September bot Heeg eine Fülle von Kriegskarten an, u.a. Karten vom westlichen (mit vollständiger Geländedarstellung) und östlichen Kriegsschauplatz. Am 16.9.1914 kündigte er das baldige Erscheinen der illustrierten „Kriegschronik des Daheim“ an (für 60 Pfg. pro Lieferung), die „den Mitlebenden ein Bild großer Zeit, kommenden Geschlechtern ein Bronnen der Erinnerung sein“ sollten.



Abb. 3: Franz Hübel in Frankreich. Quelle: Archiv H O


Am 2.9.1914 musste Heeg eine Anweisung des „Gouvernment Festung Cöln“ zur Kenntnis nehmen, keine Feldpostbriefe abzudrucken, die „dem Feind militärische Einzelheiten“ preisgeben würden. Er musste in Zukunft vorsichtiger mit den Briefzusendungen umgehen. Heeg veröffentlichte u.a. den Feldpostbrief der Oberkasseler der 3. Kompanie des 65. Reserve – Infanterie-Regiments vom 20.9.1914, die schon vier Wochen bei schlechtem Wetter im Schützengraben bei Ripont lagen und um Sendung von Zigarren, Zigaretten und Tabak baten. Ihr realistischer Lagebericht in Gedichtform endete: „Doch sterben auf dem Schlachtenfeld / Ist des Deutschen schönster Tod auf dieser Welt“.





Bis Anfang Oktober hatte die Ortsgruppe Oberkassel des Vaterländischen Frauenvereins an die im Felde stehenden Oberkasseler bereits 70 Pakete mit Zigarren und Tabak abgeschickt, die ihnen als „Liebesgaben geschenkt“ worden waren. Einen Monat später veröffentlichte Heeg das vom Oberkasseler Landsturm übersandte „Landsturm-Lied“ (Melodie: O Deutschland hoch in Ehren): „Sie sollen ihn erfahren, Den deutschen Männerzorn. Sind wir auch alt an Jahren, Laßt uns nur ganz nach vorn.“ Die Oberkasseler Landsturmleute, die in Esch-Alzette (Luxemburg) „auf ferner Wacht“ lagen, baten gleichzeitig um „Zigarren, Schokolade u. dgl.“. Heeg erklärte sich bereit, seine Geschäftsstelle für die „Entgegennahme und Beförderung von Liebesgaben“ zur Verfügung zu stellen. Schon am 11.11.1914 konnte Heeg den „herzlichen Dank“ des Landsturms für die „Gebefreudigkeit“ der Oberkasseler übermitteln. Am 2.9.1914 schrieb Jean Schmelzer, Unteroffizier und Friseur, aus dem Schützengraben im französischen Buzy, im Auftrag seiner Oberkasseler Kameraden, u.a.: „Lot se ruhig scheeße, mir lossen uns nit verdrieße.“ „Liebesgaben“ nehme er gern in Empfang. Im November bot Heeg ein „Gebetbüchlein für Kriegs- und Friedenszeiten“ für 75 Pfg. an, „Der Katholische Soldat, ausgerüstet mit den Waffen des Glaubens“.



Abb. 5: (v. links) Birrenbach, Peter Künster sr., Jean Sonntag. Quelle: Archiv H O


Gegen Ende des Jahres musste Heeg immer mehr Einschränkungen der Zensurbehörde zur Kenntnis nehmen. Schon im Dezember 1914 unterlagen auch Zeitschriften und Broschüren ebenso der Zensur wie die Tagespresse. Anscheinend schossen anfangs die Zensurbehörden übereifrig über das Ziel hinaus, denn am 30.12.1914 wurden sie angewiesen, dass „ihre Aufgabe niemals in der grundsätzlichen Unterdrückung aller Nachrichten und Betrachtungen über schwebende Kriegsereignisse bestehen kann“. In den Zeitungen sollten sie nur das streichen, was „a) dem Feinde nützliche Winke geben kann oder seine Stimmung heben könnte, b) im Inlande übertriebene Hoffnung, unbegründete Befürchtung oder Niedergeschlagenheit erwecken würde“. Hierbei gehe man von der Erwägung aus, dass „es weder möglich noch wünschenswert ist, der Bevölkerung in der Heimat ihren dem Ernst unseres Kampfes um das nationale Dasein entsprechenden Anteil an den seelischen Erregungen des Krieges vorzuenthalten“. Die Zensurbehörden gaben daher in regelmäßigen kurzen Abständen Merkblätter für die Presse heraus, damit sie das „öffentliche Denken und Empfinden…zu stetig erneuerter inneren Kräftigung und Erhebung führt“.


Die Schule im Dienst des Krieges

Am 1.8.1914 erging die Anordnung, die Schulen zu schließen, damit „die Kinder bei den Erntearbeiten mitwirken“ konnten. Somit begannen auch für die Oberkasseler Schulkinder vorzeitig die Sommerferien. Die Lehrer Schonauer und Kissel von der katholischen Volksschule waren am 1.8.1914 einberufen worden; ihr Kollege Hansen musste erst im September bei der Besatzung in Luxemburg antreten. Wie viele junge Männer heiratete Schonauer noch am 2.8.1914. Franz Kissel hatte allerdings nur einen Pferdetransport von Troisdorf nach Köln zu begleiten und kehrte schon nach drei Tagen wieder zurück, um erst im November wieder einberufen zu werden. Am 10.9.1914 nahm die Schule den Unterricht unverkürzt wieder auf. Referendare und die zu Hause gebliebenen Lehrkräfte mussten den Unterricht übernehmen; der mit einer Notprüfung aus dem Lehrerseminar entlassene August Stricker vertrat Lehrer Hansen. Damit die älteren Schülerinnen und Schüler bei den Haus-, Garten- und Feldarbeiten aushelfen konnten, entließ man am 1.10.1914 diejenigen ohne Prüfung, die am 1.4.1915 14 Jahre alt wurden. Während der Ferien stellten sich die Schulkinder durch Sammeln von Geld für das Rote Kreuz oder „Stricken von Strümpfen usw. in den Dienst des Vaterlandes“. Ende des Jahres ließ das Kriegsministerium die Schulkinder warnen, wegen der gefährlichen Pulverreste nicht mit aufgefundenen Patronenhülsen oder gar ganzen Patronen zu spielen.

Am 24.10.1914 gab der Landrat den Oberkasseler Lehrern zur Kenntnis, die Empfehlungen des Kreisschulinspektors in seiner Schrift „Aufgaben des Lehrers und der Schule während des Krieges“ umzusetzen. „Französische Rachsucht, panslawistische Ländergier und englischer Krämergeist und Neid“ hätten die Deutschen „jäh in den fürchterlichsten Krieg gestürzt“. Das Volk stehe „den Feinden als völkische Einheit von wunderbarer Kraft und Entschlossenheit gegenüber, mit dem eisernen Willen, sich durchzusetzen, sich zu erhalten, zu siegen“. Der Krieg stelle an die Lehrer „besondere Aufgaben“. Es gelte die „erziehende und läuternde Kraft, die der Krieg an unserem Volke in seinem erwachsenen Teile so wunderbar betätigt hat, auch auf die Jugend wirksam überströmen zu lassen“.


Lazarett Oberkassel

Am 3.8.1914 erhielten nicht nur der Arzt Dr. Leuwer-Jung, sondern auch die Schwestern Anastasia und Ottilia eine Einberufung, so dass dem Oberkasseler Krankenhaus wichtiges Personal fehlte. Generaloberst von Plessen, General Adjudant des Kaisers, besichtigte Anfang August persönlich die für Lazarettzwecke in Frage kommenden Gebäude Oberkassels. Eine Schließung der Kalkuhlschen Realschule wegen einer drohenden Beschlagnahme für das Rote Kreuz konnte Kalkuhl noch abwenden. Dafür stellte er seine Schule für die Einrichtung eines Lazaretts mit ausreichend Betten zur Verfügung. Ebenfalls als Lazarett eingerichtet wurden die Villa der Erben Witwe Christian Uhrmacher an der Hauptstraße, das evangelische Schwesternheim der Diakonissinnen in der Kinkelstraße, die Villa Schmitz und das am Rhein gelegene Landhaus „Georgsruh“ des Bonner Justizrats Dr. Schumacher. Später richtete man auch die Villa des verstorbenen Freiherren von Stumm, „Teresienau“, zum Erholungsheim für Verwundete ein.


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(dann weiterlesen in der 2. Spalte)

Abb. 6: Verwundete aus Oberkassel: li. Bremer, re. Weise. Quelle: Archiv H O


Zur Ausstattung der Lazarette spendeten die Bürger großzügig Betten, Bettwäsche, Decken, Hemden, Handtücher, altes Leinen usw. Während anderswo die Lazarette überfüllt waren, blieben in den ersten Monaten die Häuser Uhrmacher und Schwesternheim trotz ihrer „vorzüglichen Ausstattung“ und der Parkanklagen unbenutzt. Die alte evangelische Kirche wurde zu einem „Lese- und Schreibsaal“ eingerichtet, in dem die Leichtverwundeten ihre „Schreibereien“ erledigen konnten und genügend Lektüre zur Verfügung stand. Auch fanden hier „belehrende und musikalische Vorträge“ statt. So war in „jeder Weise aufs beste für die hier weilenden Vaterlandsverteidiger gesorgt“, für deren Unterhaltung sich besonders Lehrer Gustav Brinkmann verdient gemacht hatte.

Eine Welle der Spendenbegeisterung ging durch die Oberkasseler Bevölkerung. Der Turnverein stellte aus der Vereinskasse 150,- Mark dem Roten Kreuz zur Verfügung. Selbst der Kegelklub „Fröhliche Leute“ stiftete seinen Kassenbestand von ca. 60,- Mark dem Roten Kreuz. Eine Ortsgruppe des Vaterländischen Frauenvereins des Roten Kreuzes bildete sich aus Frauen des angesehenen (meist protestantischen) Bürgertums, die sich um die Verwundeten, die Verpflegung durchreisender Truppen und in Not geratene Familien kümmerten.

Ende des Monats trafen die ersten Verwundeten vom Kriegsschauplatz im Oberkasseler Krankenhaus ein. Die behandelnden Oberkasseler Ärzte Sanitätsrat Dr. Joh. Klein und Dr. August Reinermann (1915 wurde auch er eingezogen) waren durch die Versorgung der Verwundeten so sehr in Anspruch genommen, dass sie ihre Sprechstunden nur nachmittags von 14 – 16 Uhr und sonntags von 9 – 10 Uhr vormittags abhalten konnten.



Abb. 7: Sanitätsrat Klein inmitten von Verwundeten. Quelle: Archiv H O


Nach Meinung von Pfarrer Conrad Schmitz betrugen sich die Verwundeten „ordentlich“. Mit Missfallen beobachtete er, wie Soldaten aus den Freiwilligenregimentern „den Mädchen nachliefen“. Er übertrug die Seelsorge des Militärs dem Vikar Joh. Wilhelm Neu.



Abb. 8: „Erinnerung an die Helden von Obercassel“. Quelle: Archiv H O


Am 21.8.1914 starb als erster Oberkasseler den „Heldentod“ Major Max Wulff, der älteste Sohn von Oberst z.D. Wulff. Heeg kündigte am 5.9.1914 an, die amtlichen „Verlustlisten“ „von jetzt ab regelmäßig“ für 5 Pfg. pro Stück in der Geschäftsstelle der Oberkasseler Zeitung zum Verkauf anzubieten. Bis Anfang Oktober fielen Jean Stockhausen, Josef Cerfontaine, Wilhelm Dornbusch, Johann Limbach, Josef Hartmann, Fritz Uhrmacher und Johann Schmitz. Am 14.11.1914 starb der jüngste Kriegsfreiwillige den „Heldentod“ bei Roulers, der erst 15jährige Adolf Höhner aus Römlinghoven, Gefreiter und Träger des Eisernen Kreuzes.


Der „Wehrbund“ für die militärische Vorbereitung der Jugend

Bei Kriegsbeginn waren die Abendandachten gut besucht; die meisten Einberufenen waren vorher noch zur Messe und Kommunion gegangen. „Geht kämpfen, wir beten“, so rief Pfarrer Herkenrath in Oberdollendorf den Einberufenen zum Abschied zu. Am 3.8. ordnete der Erzbischof von Köln, Kardinal von Hartmann, öffentliche Gebete an mit der Bitte an Gott, „der gerechten Sache der Deutschen den Sieg zu schenken“. Bei den ersten größeren „Siegen“ läuteten die Glocken beider Kirchen. Nach den Sommerferien sangen dann die Schulkinder das Deutschlandlied. Mit einer Erläuterung über die Bedeutung des jeweiligen Sieges wurden sie anfangs gleich nach Hause geschickt, bis schließlich erst die ausdrückliche Genehmigung des Landrates einer Inflation von schulfrei einen Riegel vorschob. Mitte September veröffentlichte Heeg ein „Gebet“ für „Deutschlands Söhne“, in dem Gottes Schutz erbeten wurde: „Uns wurde das Schwert in die Hand gedrückt. Nun hilf uns, die Feinde zu stürzen.“ Mitte November hielt der katholische Arbeiterverein für seine Mitglieder und die Jünglingskongregation einen sehr gut besuchten Lichtbildervortrag über die ersten Kriegswochen ab. Beim Anblick des letzten Bildes, des „höchsten Kriegsherrn“, wurde die Nationalhymne gesungen.

Anfang September wurde durch ministeriellen Erlass „die militärische Vorbereitung der Jugend für die Dauer des Kriegszustandes angeordnet“. Um die heranwachsende Jugend zu militärischem Hilfs- und Arbeitsdienst heranzuziehen und sie für ihren späteren Dienst im Heer und in der Marine vorzubereiten, sollten die „jungen Leute gesammelt“ werden, um „nach den vom Kriegsministerium gegeben Richtlinien unverzüglich herangebildet zu werden“. Schon für den 6.9.1914 lud der Oberkasseler Kriegerverein die noch nicht Einberufenen zur Gründung eines „Wehrbundes“ in den Gasthof zur Post ein. Es kamen zwar 70 bis 80 Personen, doch umsonst, denn der Referent und Vorsitzende des Kriegervereins war wohl verhindert. Erst am 11.9.1914 erfolgte in einem zweiten Anlauf im Gemeindehaus, in der alten evangelischen Kirche, die Gründung. Die Vorsitzenden der „Jünglingsvereine“ wurden gebeten, die Mitglieder „zum vollständigen Beitritt“ anzuhalten. Zunächst nahmen ca. 110 junge Männer an den Übungen teil, die Bahnhofsvorsteher Dietzler umsichtig leitete. Doch einen Monat später ließ wohl die patriotische Begeisterung für die Anfangsgründe des militärischen Dienstes etwas nach, denn es kamen nur noch 50 – 60 zu den angesetzten Abenden. Am 25.10.1914 unternahm der Wehrbund der Ortsgruppe Oberkassel seinen ersten großen Marsch nach dem Gefangenenlager Wahn. „In Schritt und Tritt unter Sang und Klang“ wurde um 7 Uhr morgens abmarschiert. Unterwegs wurden dann die verschiedenen Marschübungen vorgenommen.



Abb. 9: Wehrbund: Schützengräben/Kucksteinwiese. Wilhelm Dietzler als Ausbilder. Quelle: Archiv HO


„Deutschtümelei“

Die antifranzösische und antirussische Stimmung spiegelte sich in vielen seit der Mobilmachung in der Oberkasseler Zeitung veröffentlichten Gedichten wider. In dem von Kindern Ende August zugeschickten Gedicht „Echte deutsche Kinder“ wollten die Knaben, wenn sie bald groß sind, den Russen, Serben und Franzosen die „Hosen messen, daß sie das Wiederkommen vergessen“, und die Mädchen die „Kranken pflegen…Mit Gott für König und Vaterland“.

Es sei eine Freude, so las man Mitte August in der Oberkasseler Zeitung, „wie sich das Deutsche wieder auf sich selbst besinnt“. In den Städten beeilten sich die Besitzer von Geschäften, Restaurants und Cafés, deren „ausländische“ Namen wieder ins Deutsche umzuwandeln. Selbst die Behörden versuchten eine „Reinigung der deutschen Sprache“ von französischen und englischen Fremdwörtern vorzunehmen. „Adieu“ war verpönt, man begegnete sich in „alter deutscher Weise“ mit „Grüß Gott!“, „Gott befohlen!“ oder „Auf Wiederseh’n!“, wie das Gedicht „Deutscher Gruß“ forderte: „Fort mit dem fremden, welschen Tand, Fort mit dem fremden Treiben, - Deutsch soll das Herz und Mund und Hand und deutsch der Gruß verbleiben.“

„Deutsche Frauen besinnt Euch!“ schallt es den Oberkasselerinnen aus der Zeitung entgegen. Sie sollten sich ihrer früheren Schlichtheit besinnen. Angesichts der Männer im Felde dürften sie nicht, „aufgeputzt wie zur Maskerade“ mit den „Pariser Kleiderauswüchsen … Schlitzröcke, Florstrümpfe, unanständigen gewagten Ausschnitt“ herumlaufen. Eine Modezeitschrift stellte das Ende der französischen Mode fest. „Mit der Ausländerei hat‘s ein Ende“. Weg mit dem „Plunder“! Frankreich und England verloren ihren Anspruch als Kulturnation. Mit Verachtung sah man auf alles, was jenseits der Vogesen kam; mit der „englischen Krämer- und Schacher-Kultur“ wollte man nicht mehr zu tun haben. In einer Welt von „Lüge und Gemeinheit“ hoben sich umso leuchtender „deutscher Sinn und deutsche Kultur“ ab.


Arbeit in der Kriegsindustrie

Von den 3680 Einwohnern Oberkassels standen 1/6 bis 1/5 „unter den Waffen“. Die nicht „kriegs- und nicht garnisonsverwendungsfähig“ waren, sollten in der Geschossfabrik in Siegburg arbeiten. Die Ehefrau eines Eingezogenen erhielt sechs Mark, jedes Kind unter 15 Jahren 4 Mark Unterstützung pro Monat. Von November bis April bekamen die Ehefrauen monatlich neun Mark. Die christlichen Gewerkschaften zahlten vielen zurückbleibenden Familienmitgliedern aus ihrem Vermögensbestand Zuschüsse. Mehrere Verbände ergänzten die staatlichen und kommunalen Unterstützungen noch mit 12 bis 15 Mark.

Die Friedrich-Wilhelmhütte in Troisdorf und Siegburg bot Handwerkern, Wirten, Arbeitslosen und vor allem Frauen, deren Männer im Felde waren, genügend leichtere Arbeit an; die Männer verdienten pro Tag 8 – 14 Mark, Frauen und Mädchen 4 – 8 Mark. Ende des Jahres fuhr sogar für diese ein besonderer Eisenbahnzug von Linz nach Siegburg. Selbst aus Sachsen versuchten Mädchen ein Zimmer zur Miete in Oberkassel zu bekommen, um in der Industrie zu arbeiten. Wer Soldaten ein Quartier gab, erhielt für die volle Tageskost mit Brot 1,40 Mark, ohne Brot 1,25 Mark.

Den örtlichen Betrieben fehlte es an Arbeitern. So suchte schon am 5.8.1914 die Oberkasseler Brauerei „zum sofortigen Eintritt“ Maschinisten, Heizer, Bierkutscher und Arbeiter. Die Zementfabrik und die Steinbrüche blieben in Betrieb, wenn auch weniger Basalt als sonst abgebaut wurde. Split als Basaltabfall wurde in großen Mengen am Rheinufer auf Schiffe verladen und nach Belgien gebracht. Nach der Eroberung Belgiens führte die Firma Hüser dort große Brücken- und andere Eisenbetonbauten aus. Am 16.9.1914 suchte man „tüchtige Erd- und Betonarbeiter, Zimmerleute, Maschinisten für Namur“. Die Eisengießerei Jakob Klein fertigte mit ca. 50 Personen Granaten an. Erst Anfang 1915 erhielt die Zementfabrik die ersten Gefangenen von dem Hauptlager in Wahn.


Unsicherheit im Geldverkehr

Schon Ende Juli begannen diejenigen, die Geld auf der Sparkasse hatten, unruhig zu werden. Zur „Beruhigung der Bürger“ sollte der Hinweis dienen, dass Sparkassengelder als Privateigentum vor dem Zugriff jeder Staatsgewalt geschützt und daher dauernd sicher seien. Schon Anfang August wollten zahlreiche Geschäftsinhaber und Gastwirte Papiergeld nicht voll in Zahlung nehmen. Ihnen wurde die sofortige Schließung des Geschäftes angedroht, wenn sie die Banknoten nicht vollwertig annehmen würden. Öffentlich angeprangert wurden „egoistische Vorsichtsmeier“, die „im Strumpf 200 Mk oder im Geldschrank 10000 Mk Metallgeld“ verstauten und so „den Geldverkehr im Kleinhandel auf die peinlichste Weise ins Stocken“ brächten. Selbst bei der staatlichen Unterstützung der Familien, deren Männer eingezogen waren, gab es solche, die trotz geringerer Bedürftigkeit durch eindrucksvolles Klagen zum „Nachteil größerer Bedürftigkeit unverdientes Geld errafften“.

Schon am 1.8.1914 klagten Geschäftsleute und Handwerker, auf die „Bezahlung der kleinsten Rechnung“ warten zu müssen. Am 12.8.1914 ermahnte in der Oberkasseler Zeitung ein Geschäftsmann vom Lande seine Kunden: „Bezahlt Eure Schulden!“ Am 18.8.1914 erging an die Oberkasseler noch einmal die Mahnung: „Bezahlt die fälligen Rechnungen!“ Manche würden meinen, Rechnungen müssten erst nach dem Krieg bezahlt oder fällige Forderungen wegen der Kriegslage überhaupt nicht mehr beglichen werden. Für die Zuhausegebliebenen gelte die „Kriegsregel“: „Zahle deine Rechnungen.“

„Die gehen und die bleiben“, so teilte nämlich die Redaktion die Bevölkerung ein. Die Zurückbleibenden sollten es den Kämpfern an Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft gleichtun und nicht eigensüchtige Triebe aufkommen lassen. Die Redaktion führte den Lesern „Kriegsregeln für die Zuhausebleibenden“ vor Augen, die in der Aufforderung gipfelten: „Sei stolz auf diese unvergleichliche Schicksalsstunde deines Volkes. Wir haben groß begonnen. Aber die Probe kommt erst: sie darf keinen Kleinen unter uns finden. Dann werden wir der Unsrigen im Felde wert. Ein Volk, Ein Schicksal!“


„Preistreibereien“

Seit dem 1.8.1914 häufen sich in der Oberkasseler Zeitung Nachrichten über „Preistreibereien“. Die Leute würden unvernünftigerweise Lebensmittel in größeren Mengen kaufen und sich dadurch wegen der Preissteigerungen selbst schaden. Die Behörden warnten vor Wucherpreisen, die schon von mehreren Geschäften verlangt wurden. Am 2.8. wird aus Siegburg von einer Eingabe von 78 Bürgern berichtet, einzelne Gewerbetreibende würden „aus Anlaß der gegenwärtigen politischen Lage die Preise ihrer Ware, insbesondere der Lebensmittel, ganz erheblich“ steigern. Der Bürgermeister drohte, sich beim Regierungspräsidenten für Maximalpreise einzusetzen. Die Marktpolizei in Bonn ging am 3.8. von sich aus gegen Kartoffelverkäufer vor, die „unverhältnismäßig hohe Preise“ verlangten. Kartoffeln durften pro Zentner nicht mehr als 6 Mark und im Einzelverkauf nicht mehr als 8 Pfg. kosten. „Preistreibereien infolge“ ordnete die Stadt Bonn am 4.8.1914 an, Weizenmehl zu 25 Pfg. und Salz zu 13 Pfg. das Pfund zu verkaufen. Außerdem veröffentlichte man überall durch Anschlag die Namen der Verkäufer, die zu hohe Preise forderten. Die Oberkasseler Zeitung sprach von „häßlichem Wuchersinn“, der die „Verwirrung ängstlicher Hausfrauen zu unverschämten Preissteigerungen“ ausnutze.

Nachdem Meldungen über 20 bis 60 % Preisaufschläge der Lieferanten eintrafen, verurteilte am 15.8.1914 die Redaktion die auch in Oberkassel bevorstehende „Preistreiberei in größerem Stil“ und verwies auf das „Gesetz betr. Höchstpreise vom 4.8.“, demzufolge die Gemeinde für die Dauer des Krieges Höchstpreise für Gegenstände des täglichen Gebrauchs festsetzen konnte. Bei Überschreitung oder Verheimlichung von Vorräten war eine Geldstrafe bis zu 3000 Mark bzw. Gefängnis bis zu sechs Monaten möglich. Schon am 18.8.1914 spricht die Redaktion von der Absicht der Kommunalverwaltungen, Höchstpreise für Kartoffeln (6 Mk. für den Zentner) festzusetzen. Da die Ernte sehr gut war, glaubte man an ein Fallen der Preise, so dass vor einem Masseneinkauf dringend gewarnt wurde. Daher wurden auch in den Berichten an den Regierungspräsident die Notwendigkeit von Höchstpreisen für den Kleinhandel „fast durchweg verneint“. Der hohe Preisstand hatte seine Ursache darin, dass sich ein großer Teil der Landwirte mit dem Verkauf der Kartoffeln „in Erwartung einer weiteren Preissteigerung im Frühjahr zurückhält“. Die meisten Abnehmer hätten aber den Bedarf für die nächste Zeit gedeckt. Allerdings müsse für die ärmeren Familien, die „auf den Einkauf in ganz kleinen Mengen angewiesen“ waren, Abhilfe geschaffen werden. Die Gemeinden sollten daher selbst einen Vorrat „behufs Abgabe an die kleinen Leute“ anlegen, - notfalls „unter Anwendung der gesetzlichen Zwangsmaßnahmen gegen die Produzenten“.

Am 22.8.1914 beschwerte sich in einem Leserbrief „Ein Geprellter“, der immer „am Platze“ kaufe und sehr gut über „Preise anderswo“ informiert sei, die Verteuerung der Lebensmittel nehme auch in Oberkassel „einen wucherartigen Charakter“ an. Die gestiegenen Preise ständen in keinem Verhältnis zu den Einkaufspreisen oder zu Preisen an anderen Orten. Schon gleich nach der Mobilmachung hätte man für Salz „Wucherpreise“ verlangt. Ein Händler nehme für das Pfd. Butter 25 Pfg., ein anderer 30 Pfg., für Süßrahmbutter zwischen 1,50 – 1,80 Mark das Pfund. Ein Bäcker verlange für ein gut drei Pfund schweres Weißbrot 50 Pfg., ein anderer für ein 2 ½ Pfund „Weißbrötchen“ „Sage und schreibe 60 Pfg.“ . Es sei jetzt an der Zeit, auch in Oberkassel gesetzlich Höchstpreise festzulegen. Ob der „Geprellte“ nicht auf „Wagner’s Eigelb-Pflanzenbutter“, die „brät, bräunt und schmeckt wie Süßrahmbutter“ und von Franziska Seibertz für 90 Pfg das Pfund seit dem 1.8. in Oberkassel angeboten wurde, ausweichen wollte, ist nicht bekannt.

Ein Händler wehrte sich am 26.8.1914 dagegen, „alle über einen Kamm zu scheren“. Manche hätten schon vor der Mobilmaching ihre Preise erhöht und behaupteten nun, billig zu sein. Er selbst hätte, solange er noch Vorräte besaß, keinen Pfennig teurer verkauft. Außerdem sei der Transportweg durch den Truppenaufmarsch schwieriger und teurer geworden. Wütend schimpfte er, dem „Geprellten“ sollte kein Geschäft „ein Lot Pfeffer“ verkaufen. Der wäre besser einberufen worden, „da hätte er schon seinen Mut betätigen können, besser jedenfalls als sich hier als Dorfpatriot und Aufwiegler aufzuspielen“.

In seiner Antwort Ende des Monats glaubte der „Geprellte“, für viele Familien gesprochen zu haben, die es nicht wagten, sich an die Öffentlichkeit zu wenden Jedenfalls sei es „abscheulich“, die zahlreichen Familien ohne Verdienst zu übervorteilen. In Kriegszeiten müsse der Kaufmann eben mit „außergewöhnlichen Unkosten“ rechnen. Am 5.9.1914 glaubte der „Geprellte“ schließlich feststellen zu können, dass die angeprangerten „Preistreibereien ihre Höchstgrenze“ erreicht hätten. Die Händler sähen wohl die Nachteile eines solchen Geschäftsgebarens ein, da viele Familien anderswo einkauften. Durch angemessene Preise blieben die Kunden erhalten, das sollten sich auch die Metzger merken. So wurde am 12.9.1914 „Allerfeinste Süßrahm-Butter“ zu 1,30 und 1,40 Mark“ angeboten. Eine Polizeiverordnung vom 15.9.1918 zwang die Händler, die Preise der Lebensmittel „in einer für jeden Käufer deutlich erkennbaren Weise am Verkaufsraume durch Anschlag bekannt zu geben“.

Nachdem viele Verkehrsbeschränkungen aufgehoben worden waren, drohte der Minister für Handel und Gewerbe am 31.8.1914 den Großhändlern mit Höchstpreisen, falls sie immer noch „unangemessen erhöhte Preise“ verlangen würden.


Lebensmittelknappheit

Vor Hamsterkäufen wurde häufig gewarnt; andererseits gab es schon seit Anfang August Empfehlungen, sich Herbst- und Wintervorräte anzulegen. „Bepflanzt freiliegende Aecker und Garten-Parzellen!“ Blätterkohl, Butterkohl, Endivien-Salat und Kohlrabi sollten gepflanzt, Möhren, Spinat und Mangold gesät werden. Den Hausfrauen wurde geraten, Obst und Gemüse als Vorrat für den Winter einzukochen. Gemüse, das nicht eingemacht werde, könnte man trocknen, wie Bohnen, alle Kohlsorten, klein geschnittene Gelbrüben und Kohlrabi. Anfang September mahnten die Behörden, für die kommende neue Aussaat und für „Futtervorrat im Winter“ Vorsorge zu treffen. Ein „ernstes Zeichen“ orakelte die Oberkasseler Zeitung, dass man anscheinend doch mit „längerer Dauer der Kriegswirren“ rechnen musste.

Allenthalben verspürte man schon eine Knappheit an manchen Lebensmitteln. Diejenigen, die es sich leisten konnten, begannen Hamstereinkäufe von Mehl zu tätigen, so dass im Frühherbst die Mehlkarte eingeführt wurde. Um die Brotversorgung bis zur nächsten Ernte sicherzustellen, erließen die Behörden ab Oktober eine Reihe einschneidender Verordnungen. Diese erreichten aber nur ihren Zweck, wenn sie „im ganzen Volk volles Verständnis“ fänden und „alle Kreise ihre Lebens- und Wirtschaftsführung dementsprechend einrichten“ würden. Neben den Belehrungen in der Presse müsse jede Gelegenheit genutzt werden, „um das Volk auf die ernsten Forderungen, die jetzt an es herantreten, hinzuweisen und es zu einem verständigen sparsamen Umgehen mit der Brotfrucht und dem Brote zu erziehen“.

Die Behörden bestimmten seit November, den Roggen mindestens zu 72 %, den Weizen zu 75 % auszumahlen (vorher 65 bzw. 70 %). Das Brotgetreide musste durch Kartoffelzusatz verlängert werden. Dem Roggenbrot war mindestens 5 % Kartoffelflocken, Kartoffelmalzmehl oder Kartoffelstärkemehl oder 4 % gequetschte oder geriebene Kartoffeln (höchstens 20 bzw. 16 %) beizumischen. Dieses Kriegsbrot musste mit dem Buchstaben „K“ und dem Datum der Herstellung versehen werden. Jeder sollte von nun an dieses Kriegsbrot fordern, und, „wer selbst bäckt, sollte nur solches Kriegsbrot backen“. Bei Zusätzen von Flocken usw. über 20 %, von gequetschten oder geriebenen Kartoffeln über 16 % war dem „K“ noch die Prozentzahl beizufügen. Weizenbrot musste wenigstens 10 % Roggenmehl enthalten. „Wer jung und kräftig ist, der esse Kommißbrot!“, lautete allenthalben die Empfehlung. Diese Bundesratsverordnung hatte im Verkaufsraum auszuhängen. „Zuwiderhandlungen“ waren mit Geldstrafen bis zu 1500 Mk. zu ahnden. Die Reichsverteilungsstellen setzten zunächst den täglichen Bedarf von Mehl pro Kopf auf 225 g fest, ab Februar 1915 auf 200 g, und führten schließlich zur Regelung der Brotversorgung die Brotkarten ein.

Gegen Ende des Jahres 1914 machte die Versorgung der Familien in Oberkassel mit preiswerten Kartoffeln große Probleme. Die Androhung von Höchstpreisen hatte keine Wirkung gezeigt, da die einheimischen Landwirte nur für den Eigenbedarf geerntet hatten und keine Kartoffeln für erschwingliche Preise verkauften. Bürgermeister Schröter versuchte mehrmals vergeblich, Kartoffeln „von außerhalb zu beziehen“; die Angebote erschienen ihm viel zu teuer. Für den Winterbedarf fehlten daher in seinem Bezirk noch erhebliche Mengen; nirgends konnte man noch den Zentner für 5 Mark erhalten. Von Höchstpreisen erwartete Schröter keine Besserung der Notlage. Helfen könne nur „behördliches Vorgehen gegen die Produzenten, indem sie gezwungen werden, ihren Überschuß für den festgesetzten Höchstpreis waggonweise abzugeben“. So wurde schon im Winter 1914/1915 die Lebensmittelknappheit für die Bevölkerung zu einer drückenden Last.

Zum „goldenen Sonntag“, dem letzten vor dem Weihnachtsfest, erinnerte Heeg die Oberkasseler daran, dass die Meisten geglaubt hätten, der Krieg werde zum Christfest vorbei sein und die Mehrzahl der Soldaten würde das Weihnachtsfest zu Hause feiern. „Diese Erwartung konnte sich bei der Menge unserer Gegner nicht wohl erfüllen.“ Man glaubte allerdings, dass die Kraft des Feindes „im Erlahmen begriffen“ sei. Am 23.12.1914 veröffentlichte Heeg das Gedicht „Weihnacht 1914“, in dem u. a. die Hoffnung ausgesprochen wurde:

„Und zu mannhaft starkem Streiten
Für des Reiches Recht und Wehr
Woll’st du, Christkind, uns begleiten,
Leuchten vor zu Sieg und Ehr“
.



Abb. 10: Verwundete Oberkasseler Soldaten am Krankenhaus, Weihnachten 1914. Quelle: Archiv H O


Quellen:
  • Oberkasseler Zeitung 1914
  • Schulchronik der kath. Volksschule zu Obercassel,
    darin: Kriegschronik von Hauptlehrer Meng
  • Chronik der kath. Pfarrgemeinde
  • Stadtarchiv Königswinter, Bestand Oberkassel, 672 – 681

Abbildungen: Heimatverein Bonn-Oberkassel
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